Was hinter demenzgerechter Gestaltung steckt: Wahrnehmung, Gedächtnis und Raum
Demenzgerechte Gestaltung ist kein Bauchgefühl. Sie folgt aus dem, was über Demenz und räumliche Orientierung, Gedächtnis und Sehen bekannt ist. Wer das versteht, sieht, warum kontrastreiche Bilder, gleichbleibende Platzierung und vertraute Motive auf Schildern so viel ausmachen.
Die Grundsätze demenzgerechter Gestaltung werden manchmal als gesunder Menschenverstand oder Geschmackssache abgetan. Tatsächlich beruhen sie auf jahrzehntelanger Forschung dazu, wie Demenz das Sehen, die räumliche Orientierung und das Erinnern verändert. Dieser Artikel fasst zusammen, was dahinter steckt, und warum zum Beispiel kontrastreiche Bildschilder für Menschen mit Demenz leichter zu erkennen sind als reine Textschilder.
Wie Demenz die räumliche Orientierung verändert#
Räumliche Orientierung stützt sich auf ein Netz von Hirnregionen, in dem der Hippocampus und der entorhinale Kortex zentrale Rollen spielen. Diese Regionen gehören zu den ersten, die von der Alzheimer-Krankheit betroffen sind, der häufigsten Ursache einer Demenz. John O'Keefe sowie May-Britt und Edvard Moser erhielten 2014 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin (nobelprize.org) für die Entdeckung von Ortszellen und Gitterzellen, dem inneren Ortungssystem des Gehirns. Wird dieses System geschädigt, fällt es zunehmend schwer, sich ein inneres Bild der Umgebung zu machen und es abzurufen. Eine Bewohnerin, die ihren Weg vom Zimmer in den Speisesaal lange sicher kannte, findet ihn dann womöglich nicht mehr, obwohl sie ihn unzählige Male gegangen ist.
Der Hippocampus ist zentral für räumliche Orientierung und für neue Erinnerungen, und er ist bei Alzheimer früh betroffen. Deshalb fallen Orientierungsprobleme oft als Erstes auf, und deshalb ist ein Gebäude, das man sich merken muss, schwerer als eines, das man lesen kann.
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Sehen, Kontrast und Figur-Grund-Wahrnehmung#
Demenz verändert das Sehen weit über die reine Sehschärfe hinaus. Bei der posterioren kortikalen Atrophie, einer Verlaufsform der Alzheimer-Krankheit, sind vor allem die Bereiche des Gehirns betroffen, die visuelle Informationen verarbeiten. Auch bei typischeren Verläufen können Kontrastempfindlichkeit, Tiefenwahrnehmung und die Fähigkeit nachlassen, eine Figur von ihrem Hintergrund zu unterscheiden. Ein Schild mit wenig Kontrast zwischen Schrift und Grund, das ein gesunder Mensch mühelos liest, kann für einen Menschen mit Demenz kaum zu erkennen sein. Ein deutlicher Helligkeitsunterschied, etwa dunkle Bilder auf hellem Grund oder umgekehrt, macht das Signal deutlich stärker.
Warum Bilder oft länger verstanden werden als Wörter#
Lesen und Sprachverständnis lassen im Verlauf einer Demenz häufig nach. Bilder dagegen werden oft noch erkannt, wenn ein Wort nicht mehr gelesen wird: Wer das Wort „Toilette“ nicht mehr entschlüsselt, erkennt womöglich noch das Bild einer Toilette. Deshalb kombinieren demenzgerechte Schilder ein klares, realistisches Bild mit dem Wort, statt sich auf Text allein zu verlassen.
Gestaltungsgrundsätze, die sich daraus ableiten:
- Deutlicher Helligkeitskontrast zwischen Schrift und Grund (mehr zu Kontrast). In Deutschland legt DIN 32975 Mindestwerte für den Leuchtdichtekontrast visueller Informationen im öffentlichen Raum fest; was die Norm verlangt, erklärt unser Ratgeber Beschilderung im Pflegeheim: DIN 18040 und DIN 32975
- Realistische Bilder statt abstrakter Symbole, damit nichts erst gelernt und gedeutet werden muss
- Gleichbleibende Platzierung der Schilder, damit der Blick gewohnheitsmäßig an derselben Stelle sucht und weniger vom räumlichen Gedächtnis abhängt
- Matte, nicht spiegelnde Oberflächen, damit Downlights die Schrift nicht überstrahlen
- Eine einheitliche Montagehöhe, die im ganzen Haus gleich bleibt
- Vertraute Motive, die an das allgemeine Weltwissen anknüpfen, das oft länger erhalten bleibt als die Erinnerung an einzelne Ereignisse
Gedächtnissysteme und Hinweise aus der Umgebung#
Demenz trifft nicht alle Gedächtnissysteme gleich. Das episodische Gedächtnis (Erinnerung an bestimmte Ereignisse) und das Arbeitsgedächtnis (Informationen kurz behalten und verarbeiten) sind meist früh betroffen. Das prozedurale Gedächtnis (wie man Routinehandlungen ausführt) und das semantische Gedächtnis (allgemeines Wissen über die Welt) bleiben oft bis ins mittlere Stadium erhalten. Eine Gestaltung, die an diese erhaltenen Fähigkeiten anknüpft, unterstützt die Orientierung im Alltag. Ein Bewohner erinnert sich vielleicht nicht daran, dass man ihm den Speisesaal gezeigt hat (episodisch), erkennt aber das vertraute Bild eines gedeckten Tisches auf dem Schild (semantisch) und folgt einem oft gegangenen Weg an gleichbleibenden Orientierungspunkten vorbei (prozedural).
Profi-Tipp
Wählen Sie Schilder, deren Bilder Gegenstände in ihrer vertrautesten, typischsten Form zeigen. Eine Toilette sollte aussehen wie eine Toilette, die jeder kennt, nicht wie ein modernes Designobjekt. So knüpft das Bild an das an, was Bewohner seit Jahrzehnten kennen.
Die Rolle der Farbe#
Auch die Farbwahrnehmung kann sich mit dem Alter und bei Demenz verändern. Ähnliche Töne aus derselben Farbfamilie sind dann schwerer auseinanderzuhalten als Farben, die sich deutlich im Farbton unterscheiden. Für Schilder heißt das: Ein blaues Schild auf einer cremefarbenen Wand fällt eher auf als ein hellblaues Schild auf einer etwas dunkleren blauen Wand. Wichtige Schilder sollten sich deshalb sowohl in der Helligkeit als auch im Farbton von ihrer Umgebung absetzen.
Empfohlene Produkte
Ein Produkt unseres Sortiments, das Toilettenschild in acht Farben, steht seit 2018 mit 1A im Verzeichnis akkreditierter Produkte des Dementia Services Development Centre (DSDC, Universität Stirling); das Zertifikat schicken wir Ihnen gern. Jedes zeigt ein kontrastreiches, realistisches Bild auf einer klar abgesetzten Farbfläche, zum Beispiel in Carolinablau, Viridiangrün oder Heidelila.
Von der Forschung in den Alltag#
Zwischen dem, was bekannt ist, und dem, was in vielen Häusern hängt, liegt oft noch ein weiter Weg. Kleine, kontrastarme Textschilder sind verbreitet, ebenso Gestaltungen, die gut aussehen, aber für Menschen mit Demenz wenig aussagen. Jede Entscheidung, von der Höhe eines Schildes bis zum Kontrast eines Bildes, arbeitet entweder mit den Fähigkeiten, die ein Bewohner noch hat, oder gegen sie. Wer die Grundlagen kennt, kann bewusst mit ihnen planen.
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